Weihnachtskommentar | Die Solidarität der Ungeimpften

Die Solidarität der Ungeimpften

Ein weihnachtlicher Kommentar von Steffen Roth und Heiko Kleve

Ein kürzlich in der WELT veröffentlichter Beitrag von Tim Röhn räumt mit dem Mythos der Pandemie der Ungeimpften auf und zeigt, dass dieser Mythos nur zustande kommen konnte, weil all jene Corona-Infizierten, deren Impfstatus nicht erfasst wurde, automatisch der Gruppe der Ungeimpften zugerechnet wurden.

Vor dem Hintergrund dieser und anderer Fehleinschätzungen des Beitrags der Ungeimpften zur Pandemie gilt es nun auch den bislang missachteten Beitrag der Ungeimpften zur Pandemiebekämpfung neu einzuschätzen.

Die allermeisten ungeimpften Bürger halten AHA-Regeln ebenso ein wie die meisten geimpften. Viele haben durch Antikörpertests sichergestellt, dass sie natürlich immun gegen relevante Virengruppen sind, und können ihre Haltung auch auf dieser Grundlage gut vertreten. Auch zahlen Ungeimpfte Steuern und tragen so zum Erhalt einer Infrastruktur bei, die sie aufgrund von 2G-Regeln seit geraumer Zeit nicht nutzen können.

All das ist solidarisch.

Dennoch werden aktuell autoritäre Fantasien bedient, wonach Ungeimpfte über all ihre finanziellen und zwischenmenschlichen Opfer hinausgehend mit Bußgeldern belegt und im Ernstfall, wie in Österreich vorgesehen, mit erneut kostenpflichtigen Zwangsaufenthalten in speziellen Absonderungseinrichtungen belangt werden sollen. Dies ist weder nachvollziehbar noch rechtens, würden die Ungeimpften hier für ein vermeintliches Fehlverhalten doch gleich doppelt zur Kasse gebeten: zum einen über Steuerzahlungen für Infrastruktur und perspektivisch auch Versicherungsleistungen, die ihnen zunehmend verwehrt bleiben sollen; und zum anderen über Bußgelder für eine wohlüberlegte gesundheitsbezogene Entscheidung, für die sie tatsächlich wiederholt zur Kasse gebeten werden sollen.

Eine Logik der doppelten und wiederholten Buße für ein und denselben Sachtatbestand ist dem deutschen Rechtsverständnis bislang allerdings gänzlich fremd.

Auch in diesem Sinne denken wir, dass die bevorstehenden Festtage im Geiste der weihnachtlichen Besinnlichkeit und Versöhnung die Chance bieten, eine längst überfällige Würdigung des Beitrags zur Pandemiebekämpfung vorzunehmen, den auch und vor allem der ‘ungeimpfte’ Teil der Bevölkerung leistet.

Vielleicht ergibt sich in der Zeit zwischen den Jahren gar die Chance, die intellektuelle Hetzjagd auf einen Teil der Gesellschaft zu beenden, der sich nicht als ungeimpft, sondern als natürlich immunisiert betrachtet, der auf dieser Grundlage Solidarität anders lebt als die impfwillige Mehrheit, und der doch mehr als offenkundig einen grossen Beitrag leistet dazu, dass wir gemeinsame gut durch diese Zeit kommen.

Zu den Autoren:

Steffen Roth ist ordentlicher Professor für Management an der Excelia Wirtschaftshochschule La Rochelle sowie ordentlicher Professor für Sozialwisssenschaften an der Kazimieras-Simonavicius-Universität. Er ist zudem Gastprofessor an der Universität Witten-Herdecke.

Heiko Kleve ist Professor für Organisation und Entwicklung von Unternehmerfamilien an der Universität Witten-Herdecke sowie Professor für Soziologische und sozialpsychologische Grundlagen der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Potsdam. Kleve ist zudem Gastprofessor an der Donau-Universität Krems.

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