Interview | „Eine Impfpflicht ist nach derzeitigem wissenschaftlichen Kenntnisstand rechtlich und ethisch nicht begründbar“

Wissenschaftler, darunter auch Mediziner, lehnen eine allgemeine Impflicht gegen Covid-19 ab. Florian Rötzer im Interview mit Univ.-Prof. Dr. Dr. Steffen Roth, einem der Mitunterzeichner.

Wissenschaftler haben vor kurzem eine Stellungnahme zur Impfpflicht veröffentlicht. „Nach derzeitigem wissenschaftlichen Kenntnisstand“ sei eine allgemeine Impfpflicht, so die Stellungnahme, „rechtlich und ethisch nicht begründbar“.  Die Impfung sei nicht alternativlos. Hauptargument ist:

„Für große Gruppen der Bevölkerung gibt es überhaupt keine Evidenz für einen Nutzen, z.B. für gesunde Kinder und junge Erwachsene oder für Schwangere im ersten Drittel der Schwangerschaft. Dagegen ist ein Schaden nicht auszuschließen, sondern ist mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sogar anzunehmen. Solche Gruppen zur Impfung zu nötigen, heißt von ihnen zu fordern, dass sie eine Körperverletzung hinnehmen.“

Die behauptete Notlage sei „hypothetisch“: „Sofern trotz der in Deutschland verfügbaren Kapazitäten Versorgungsprobleme auftreten, ist vielmehr nach der politischen und organisatorischen Verantwortung zu fragen.“ Eine Impfung sei eine individuelle Entscheidung.

Ich habe Univ.-Prof. Dr. Dr. Steffen Roth (Ordentlicher Professor für Management an der Excelia Handelshochschule La Rochelle sowie Ordentlicher Professor für Sozialwissenschaften und Direktor des Next Society Instituts an der Kazimieras-Simonavicius-Universität in Vilnius) einige Fragen zu den Aussagen und Behauptungen gestellt.

Florian Rötzer: Was begründet die Aussage, dass ein Schaden durch die Impfung wahrscheinlich sein soll?

Steffen Roth: Zu Impfnebenwirkungen gibt es bereits viel wissenschaftliche Literatur. Manches davon schafft es auch in breitere Medien und hat – zumindest kurzzeitige – Effekte, mitunter sogar in Form veränderten Regierungshandelns wie beim Stopp der Impfung mit Moderna in allen nordischen Staaten. Nur ein Beispiel von Impfnebenwirkungen unter vielen.

Florian Rötzer: Sollte man mit dem Argument, dass Impfen eine individuelle Entscheidung sei, nicht auch gleich wieder die Masernimpfpflicht kippen müssen?

Steffen Roth: Dem ist nicht so, aus einer ganzen Reihe von Gründen:

1) Die Masernimpfung schützt Kinder vor einer Kinderkrankheit. Die Impflinge haben etwas von der Impfung. Im Fall von „Corona“ sollen sich junge und „jüngere“ Impflinge vornehmlich für Impflinge über 60 impfen lassen. Das ist neu. Dass das Risiko für schwere Verläufe bei anderweitig massiv vorerkrankten Kindern (und generell unter 60) auch ohne Impfung gegen Null tendiert ist, wird gemeinhin nicht geleugnet. Die jüngeren Bevölkerungsteile haben insofern keine Vorteile, aber eben die o.g. Nachteile.

2) Masernimpfstoffe wurden über 10-15 Jahre getestet, die gegen „Corona“ dahingegen nur ein bis eineinhalb Jahre.

3) Masernimpfstoff schützt zuverlässig gegen Masern. Die Zuverlässigkeit der Coronaimpfstoffe scheint dahingegen ihre Grenzen zu haben, Stichwort: Impfdurchbrüche.

4) Masernimpfstoff erzeugt eine lebenslange Immunität; im Fall von „Corona“ sprechen wir aktuell davon, dass nach der „Booster-Impfung“ weitere 2-3 Impfungen gegen „Omikron“ notwendig sein werden. Kommen danach weitere Varianten ins Spiel, wird ein Ende nicht in Sicht sein.

5) Beim Masernimpfstoff werden die relevanten Bestandteile extern hergestellt und nach Injektion vom Körper nach dessen eigener innerer Logik bekämpft. Im Fall der „Corona“-Impfstoffe wird die Impfstoffproduktion in den Körper verlagert. Nun sind es körpereigene Zellen, die jene Bestandteile herstellen, auf die die körpereigene Immunabwehr dann anspringt. Entsprechend hoch ist das Risiko für problematische Autoimmunreaktionen.

6) Bislang wissen wir wenig über die Nebenwirkungen von 1-2 Impfungen. Über mögliche mögliche Nebenwirkungen von nun 3, bald 6 und in 10 Jahren dann vielleicht 30 Impfungen wissen wir gar nichts. Nur eines lässt sich doch mit einiger Wahrscheinlichkeit vermuten: mit jeder Dosis dürfte die Fähigkeit eines gesunden Immunsystems, seine eigene Abwehr ohne externe Hilfe aufrecht zu erhalten, schwinden.

Interessante Nebeninformation: Ein Masernimpfnachweis kann auch durch einen Antikörpertest erfolgen, etwa weil der Impfpass verloren gegangen ist. Aber auch wenn jemand nachweislich auf natürlichem Wege eine Immunität gegen Masern aufgebaut hat, würde man kaum über diese natürlich erworbene Immunität „drüberimpfen“. Bei „Corona“ wird ein positiver Antikörpertest in Deutschland (anders als in anderen Europäischen Ländern) allerdings nicht anerkannt. Stattdessen müssen sich Personen mit natürlich erworbener Immunität gegen Coronaviren mehrfach impfen lassen, und gleiches gilt nach Ablauf bestimmter Fristen auch für Genese. An dieser Stelle fragt man sich, ob es den politischen Entscheidungsträger wirklich noch um Immunität geht, oder nur noch ums Impfen, was seltsam wäre, da der einzige Zweck einer Impfung Immunität ist. Warum soll eine herdenimmune Population nicht aus natürlich immunen und geimpften Personen bestehen, zumal wenn Risikogruppen ein den offiziellen Angaben zufolge hochwirksamer Impfstoff zur Verfügung steht?

Florian Rötzer: Kann es wirklich nur eine individuelle Entscheidung sein? Spielt die Gesellschaft keine Rolle?

Steffen Roth: Frei nach Luhmann: Wer ist die Gesellschaft? Hat sie eine Adresse?

Versuchen wir es mal mit etwas genauerer Adressierung: Zur Gesellschaft gehören auch Kinder und eben jene jungen Männer, für die die neuen Impfstoffe offenbar riskant sind. Selbst wenn schwere Nebenwirkungen bei „nur“ 300/1Mio Geimpften auftreten, wären das bei 10 Millionen Kindern ja bereits 3000 Fälle. Und je öfter wir impfen …

Die Gesundheit wie vieler Kinder, wie viele Kinder opfern wir für wie viele Risikopatienten? Und denken wir richtig, wenn wir hier Person (Kind) mit Person (78jähriger Risikopatient) 1:1 gleichsetzen? Wenn es um den „Schutz von Gesundheit und Lebens“ geht, müssten wir dann nicht Gesundheits- und Lebensjahre vergleichen? Oder würde man hier nun doch wieder darauf bestehen, dass hier jedes einzelne Leben zählt, und somit „individualistisch“ argumentieren?

Man sieht dann, dass Antworten auf die Frage, ob und welche Rolle das Wohl „der Gesellschaft“ spielen sollte, nicht nur stark ideologisch gefärbt sein können, sondern auch damit stehen und fallen, an wessen Wohl man denkt, wenn auf das der Gesellschaft abstellt.

Florian Rötzer: Auch wenn die medizinische Versorgung ausgebaut werden würde (Steuererhöhungen, höhere Krankenkassenbeiträge, Reform des Gesundheitssystems etc.), gibt es doch unbestreitbar Menschen, die an Covid schwer erkranken und mitunter sterben.

Steffen Roth: Von wenigen Ausnahmen abgesehen handelt es sich bei den Todesfällen um hochbetagte Personen oder um jene mit oft mehrfachen erheblichen Vorerkrankungen. Wenn deren Organismus aufgrund des hohen Alters oder ihrer Vorerkrankungen derart geschwächt ist, dass er einem Virus, der für den Rest der Bevölkerung nur eine äußerst geringe Gefahr darstellt, nicht mehr in Schach halten kann, dann müssen die entsprechenden Personen geschützt werden. Dieser Schutz kann allerdings nicht so aussehen, dass nun alle das Leben der Hochbetagten oder Risikopatienten führen (oder gar schlechter gestellt sind, weil der hochbetagte Geimpfte ins Pariser Restaurant oder in die Hamburger Philharmonie gehen darf, während die zwanzigjährige, natürlich immunisierte Mutter zweier Kinder dankbar sein soll, dass sie überhaupt noch in den Supermarkt darf). Andernfalls verwandeln sich ganze Staatsgebiete in Kliniken.

Florian Rötzer: Reicht es da wirklich, nur mehr Betten und Personal zur Verfügung zu stellen?

Steffen Roth: Es hätte schon gereicht, die Bettenkapazität Stand Beginn der Krise zu erhalten. Dass hier stattdessen mitten in einer ausgerufenen Pandemie beständig abgebaut wurde, ist ja unstrittig. Die Impfpflicht für die betreffenden Berufsgruppen dürfte die Situation noch weiter verschärften, nicht zuletzt, weil diese Berufsgruppen vom Fach sind und das Verhältnis von Risiko und Nutzen der Impfung entsprechend einschätzen können.

Florian Rötzer: Beim geforderten Umstellen vom Impfen zum Testen (was bei Wellen wohl nicht nur Pflegepersonal betreffen würde): Ist tägliches Testen auf Dauer weniger eingriffig als eine Impfung alle paar Monate?

Das könnte der Einzelne getrost selbst entscheiden.

Florian Rötzer: Insgesamt müsste bei der Diskussion dann auch immer klargestellt werden, dass beim Nichtstun akzeptiert werden muss, dass eine bestimmte Anzahl an Personen sterben wird.

Steffen Roth: Inwieweit wäre es Nichtstun, wenn nach bald zwei Jahren ständig wechselnder „Maßnahmen“ nun unter Aufbietung enormer Summen aus dem „gesamtgesellschaftlichen“ Vermögen jedem Betagten oder Risikopatienten bereits das dritte Impfangebot gemacht werden konnte, und nun bereits mit ebenfalls erheblichen neuen Mitteln an den Impfdosen 4-6 gearbeitet wird? Wenn die Gesellschaft bereit ist, jenen die wollen, ein sogenanntes Impfabonnement zu finanzieren?

Ich finde, wer nach dieser enormen „gesamtgesellschaftlichen“ Kraftanstrengung vor allem eben der jüngeren Generationen noch von „Nichtstun“ spricht, der setzt sich dem Verdacht aus, dass er die Kraftanstrengungen und vielleicht sogar diese jüngeren Generationen geringschätzt oder gar verhöhnen will.

Mit Blick v.a. auf die sogenannte Dritten Welt weiß man zudem aus UN-Angaben, dass „wir“ durch unser „Tun“, sprich die sogenannten Maßnahmen, allein im Jahr 2020 den Tod von – defensiv geschätzt – mehreren hunderttausend Personen in Kauf genommen haben, die wirklich an den Maßnahmenfolgen wie Hunger gestorben sind und nicht an COVID-19. Von millionenfach entgangenen Bildungs- und anderen Lebenschancen ganz zu schweigen.

Florian Rötzer: Trotzdem: Wir würden akzeptieren, dass bis zu dieser oder jener Grenze Menschen ohne IMpfung sterben, es sei denn, man kann begründen, dass es keinerlei Impfschutz gibt?

Steffen Roth: Die eigentliche Frage ist, warum man seit 2020 mit bis dato ungekanntem Tunnelblick Krankheits- und Todesfälle im Zusammenhang mit einem spezifischen Virus zählt, und alle anderen Krankheits- und Todesursachen als gewissermaßen zweitrangig betrachtet. Auch muss man sich fragen, wie weit man die Maßnahmen im Ernstfall treiben will: Führende Regierungsmitglieder scheinen bereits jetzt keine „roten Linien“ mehr zu kennen, obgleich die WHO bereits vor einem Jahr herausstellte, dass die aktuelle Pandemie „not necessarily the big one“ ist. Können wir uns bei der nächsten, größeren Krise auf noch härte Maßnahmen gefasst machen?

Und selbst wenn diese Krise ausbleibt: Was machen wir mit den Maßnahmenkatalogen, Infrastrukturen und Denkgewohnheiten, die wir während der aktuellen Krise implementiert, aufgebaut und ausgeprägt haben? Werden wir sie wieder ad acta legen, abbauen und abtrainieren? Oder kommt es, wie es Michel Foucaults in „Wahnsinn und Gesellschaft“ für den Umgang mit einer ansteckenden Krankheit ganz anderen Kalibers beobachtet: Die Krankheit geht, die Kranken sind fast vergessen, „aber die Strukturen bleiben“. Werden wir uns bald einfach andere Probleme suchen, die man mit Grundrechtseinschränkungen, Zwangsmaßnahmen, Kontaktverzicht, und QR-Code-Pässen lösen kann?

Bereits im März 2020 sprach Bruno Latour von der aktuellen Krise als einer Generalprobe. Mit anderen Worten: Je weniger wir unsere Fantasie heute auf immer neue Formen von Freiheitseinschränkungen, Diskriminierung, Misstrauen und Überwachung verwenden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass unsere aktuellen Todesängste und das komplementäre Heilsversprechen der biotechnischen Lebenszeitmaximierung oder gar Abschaffung des Todes nicht den Weg in ein neues Mittelalter ebnen.

Erstveröffentlichung am 21.12.2021 auf krass-und-konkret.de, dem Magazin der Buchkomplizen und Westend Verlag GmbH.

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